Alltagsgedanken
Wie beginnt man einen Text, der die Poesie des Lebens wiedergeben soll? Oder besser gesagt, widerspiegeln.
Das hier ist ihre Geschichte. Ihr Leben. Und auch, wenn kein Wort der Welt auch nur annährend ihr Leben, ihr Wesen, ihr Sein zu beschreiben vermag, so möchte ich doch versuchen, diesen Zeilen die Würde zu verleihen, die ihnen gebührt.
Es mag vielleicht nicht sonderlich schwer fallen, über Einzigartigkeit zu berichten. Doch soll dies kein Bericht sein. Es soll tiefer gehen, berühren.
Im Alltag des Achterbahn Fahrens kann sich wahrscheinlich jeder ein klein wenig wiedererkennen. Aber nur, wer bereit ist, der Melodie des Lebens zu lauschen wird diese Achterbahn als Weg erkennen, der nicht nur eine Richtung mitgibt, sondern auch hilft, das Herz zu führen.
Für sie spielte Schönheit eine bedeutsame Rolle. Wenn nicht war es sogar die bedeutsamste Rolle. Im Grunde drehte sich alles um Schönheit. Doch ich spreche nicht von der Schönheit, die lediglich mit dem Auge erfassbar ist. Schönheit strahlt von innen heraus.
Das Herz sieht mehr als jedes noch so scharfe Auge. Das Herz sieht tiefer. Es erkennt.
Die Erfahrung lehrte sie, dass viele Menschen nicht bereit waren, mit ihrem Herzen zu sehen. Mit dem Herzen zu sehen ist nicht immer leicht. Manchmal kostet es viel Zeit. Überwindung. Das Herz lügt nicht. Doch viele fürchten sich vor der Wahrheit.
Sie hatte stets großen Respekt vor denen, die den Glanz in ihren Augen noch nicht verloren hatten. Die den Blick nicht abwendeten. Die, die nach der Farbe des Himmels fragten und nicht nach der Uhrzeit.
Sie selbst hatte diesen Glanz bis an ihr Lebensende behalten. Sie sah sich nie als Opfer, sondern stets als Abenteurer. Das machte sie stark.
Man muss sich mit dem Leben arrangieren. Und wenn man lernt, es zu verstehen, mit ihm umzugehen - dann kann man lernen es tatsächlich zu leben und auch zu lieben.
Sie wusste, dass der Schmerz oft präsent sein würde. Dass er dazu gehörte und dass er Teil des Ganzen war. Aber ihn zu akzeptieren machte es leichter, mit ihm umzugehen. Wenn er da war, dann nahm sie ihn an.
Ich erinnere mich, wie sie mit ihm umging. Sie drehte und wendete ihn, sie betrachtete ihn von allen Seiten und manchmal wandte sie sich nachts stundenlang von rechts nach links, weil er sie nicht schlafen ließ.
Es gab Tage, da schien es, als sei er stärker als sie. Der Glanz in ihren Augen flackerte dann gefährlich, bis er das ganze Auge ausfüllte um sich dann in Tränen zu verwandeln.
In diesen Momenten hatte ich Angst. Ich fürchtete mich davor, dass die Tränen ihren Glanz mit sich nahmen und ihn fortschwemmten.
Doch ich irrte mich. Der Schmerz beherrschte sie nicht. Einmal sagte sie lächelnd zu mir:
“Stehe einmal vor Morgengrauen auf und beobachte den Sonnenaufgang. An einem anderen Tag wirst du ihn vielleicht nicht um die gleiche Zeit sehen und dich wundern, wo er bleibt. Womöglich wird es etwas länger dauern, bis es soweit ist. Aber die Sonne ist nicht fort. Sie hält sich nur eine Weile versteckt.”
Vielleicht bedarf es manchmal einer Finsternis, um die Sonne wieder in ihrer vollen Pracht zu erfassen und sie nicht als alltägliches Präsent abzutun.
Angefangen hat ihre Geschichte eher tragisch. Als ich sie kennen lernte, war sie einsam und die Traurigkeit in ihrem Blick war überwältigend. Zu dieser Zeit habe ich sie niemals weinen sehen. Ich frage mich heute noch, wie ein Mensch seine Tränen so zurückhalten kann. Aber sie schien nicht das Bedürfnis zu haben, zu weinen. Ihr Herz war traurig, doch schien ihr Körper so ausgetrocknet, dass er nicht die Fähigkeit besaß, sie weinen zu lassen. Sie war gefangen in sich selbst, so schien es. Ein Vogel im Käfig, dem erst das Fliegen verboten wurde, und dann das Singen. Sie tat mir Leid. Ich wollte sie halten, ich wollte ihr Anker sein und ihr Kraft geben. Aber zu diesem Zeitpunkt verstand ich noch nicht, dass Mitleid keine Hilfe, keine Stütze bedeutete.
„Ich wollte keine Hilfe, kein Mitleid. Wie soll ich mir selbst Kraft geben, wenn sie mir durch andere zukommt? Was, wenn die Anderen wieder verschwinden, wenn sie wieder aus meinem Leben treten? Mein Pfahl ist weg, die Krücken weggetreten, ich falle zu Boden und vermag nicht mehr aufzustehen. Wie sollen andere mich halten, wenn ich es selbst nicht kann? Wie soll es weitergehen, wenn ich wieder allein bin? Menschen sind nicht treu. Ich kann nicht erwarten, dass jemand auf ewig den Laster meines Ankers auf sich nimmt. Ich kann keine Kräfte von jemandem in Anspruch nehmen, die ich selbst nicht besitze. Nicht die Anderen müssen für mich stark sein. Ich muss für mich stark sein.“
So dachte sie damals. So dachte sie lange Zeit. Ich habe sie leiden sehen, Tag für Tag. Es zerbrach mir das Herz, ihrem leeren Blick und der Verzweiflung, die Bände aus ihren Augen sprach, entgegenzusehen und nichts tun zu können. Ich wollte ihr die Hand reichen, meine Hand, ich wollte sie glücklich machen, ein Lächeln auf ihre Lippen zaubern. Aber sie verwehrte sich mir. Sie nahm meine Hand nicht, sie stieß sie weg und wandte sich ab. Sie lebte für sich, sie begegnete anderen Menschen mit Akzeptanz und Freundlichkeit, aber sie waren kein Teil ihres Lebens. Sie ließ niemanden eindringen, wie ein Wachhund verteidigte sie ihre Seele gegen Furcht und Enttäuschung und der Angst, den anderen zum Laster zu werden.
So war das Einzige, was mir blieb, sie anzusehen und da zu sein. Sie akzeptierte meine Anwesenheit, aber ich merkte, wie egal es ihr im Grunde war. Ich habe sie geliebt, ich tue es immer noch, aber sie verweigerte mir jede noch so leichte Berührung. Es schien eine unsichtbare Mauer zwischen uns zu existieren, ihr Schutzwall, ihr Panzer. Ihr Leben war ein Geheimnis, sie war ein Geheimnis, dessen Enthüllung mir verwehrt blieb. Ich kannte ihre Lebensgeschichte, aber sie sprach nie darüber. Wenn etwas vorgefallen war, wusste ich es genau, obwohl sie stets ihr Schweigen bewahrte. Ich sah es an ihrem Blick, der sich sehnlichst zu wünschen schien, die längst überfälligen Tränen zu entladen und es doch nicht konnte. Der flackernde Glanz von heute zeigte sich damals nie. Ihre Augen waren stets kalt, eisblau schimmerten sie mir entgegen, fast ausdruckslos, aber etwas war da, was ihren Schmerz überführte. Wieder und wieder hatte ich den Reflex nach ihren Händen zu greifen, doch noch in der Bewegung hielt ich inne und zog die meinen wieder zurück. In diesen Momenten wich sie vor mir zurück und fixierte Punkte in der Ferne und ich spürte wieder Verzweiflung in mir aufkommen, weil ich das Gefühl hatte, sie wieder ein Stück von mir fortgetrieben zu haben. Manchmal hatte ich den Eindruck, sie entfernte sich umso mehr von mir, desto mehr ich ihr zu helfen versuchte. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Nachts war ich allein und schrie aus Verzweiflung darüber, dass sie so unglücklich und ich hilflos war, etwas dagegen unternehmen zu können.
Eines Tages sah sie mich an, sie sah mich an mit ihren eisblauen Augen und dem kalten Ausdruck, den ich schon so oft gesehen hatte. Schon in dem Moment, bevor sie begann zu sprechen, wusste ich, was sie mir sagen wollte und es schnürte mir die Kehle zu. Ich spürte ein schmerzhaftes Ziehen im Bauch und zog so heftig an meiner Zigarette, dass ich zu husten begann.
„Ich kann nicht bleiben. Ich sehe, dass du unglücklich bist, und der Grund dafür bin ich. Ich möchte dich nicht unglücklich machen. Du kannst mir nicht helfen, und noch weniger hilft es dir selbst, wenn ich hier bin. Du solltest so ein Leben nicht leben, und nicht meinen Schmerz zu deinem machen.“
Als sie geendet hatte, war mir, als wollten ihre Hände nach den meinen greifen. Ich weiß nicht, ob ihre Finger tatsächlich kurz gezuckt haben oder ob ich es mir eingebildet habe, doch dann kehrte sie mir den Rücken und ging. Ich wollte sie zurückrufen, doch meine Stimme versagte, ich streckte die Hand nach ihr aus und sank hilflos auf die Knie. Ich versuchte mich zusammen zu reißen und erklärte ihr, dass ein Leben in Trauer mit ihr tausendmal lebenswerter und erfüllter sei als ein Leben in Sehnsucht ohne sie. Sie drehte sich kurz zu mir um und sah mich an. Da entdeckte ich das erste Mal einen feinen Glanz in ihren durchdringenden Augen. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, sah mir noch einmal tief in die Augen, um sich dann umzudrehen und mich zurückzulassen.
…to be continued
